Kapitel 2

Pünktlich, genau nachdem die Sonne untergegangen war, landeten sie ein Stück weit außerhalb der Stadtmauern von Las Vegas. Der tristen Stadt, in der Max heute offiziell gestorben war.
 

An ihrem Landeplatz, einer verlassenen und zerschlissenen Flugbahn, verräumten Tala, der blonde Schrank, der sich einsilbig als Spencer vorgestellt hatte und der winzige Ian, der als Pilot agiert hatte, den Helikopter und die Passagierdrohne. Bryan erklärte ihm nur knapp, dass sie diese ja noch mal gebrauchen könnten und es einen Versuch wert sei, die Fluggeräte zu verstecken. Vielleicht würde Biovolt sie ja nicht finden.

Sie selbst gingen zu einem Fahrzeug um dieses „flott zu machen“. Das Gefährt war schon halb verrostet und machte keinen besonders guten Eindruck. Aber es schien groß genug zu sein, sie alle zu transportieren zu können - vorausgesetzt natürlich, es würde nicht sofort zusammenbrechen, wenn man es startete.

„Wohin fahren wir denn?“, fragte Max Bryan, der gerade dabei war einige Kanister in das prähistorische Vehikel zu hieven. „Wir fahren zum Hauptquartier der Allstarz nach New York“. Wie bitte? „Nach New York?“ Max wollte seinen Ohren nicht trauen. Das musste ein schlechter Scherz sein. „A...Aber das bedeutet, dass wir durch die Outskirts müssen! Das ist doch tödlich und... New York ist furchtbar weit weg mit so einem Ding hier! Wie schnell kann das eigentlich fahren? Und ich dachte, es gibt keine Fahrbahnen mehr für so was. Wie sollen wir das denn bitte schön überleben?“ Der Blonde konnte sein Entsetzen kaum zurückhalten. Was brachte es, ihn so mühselig zu retten, wenn sie nun doch alle in den Outskirts sterben würden?

Sein Gegenüber musste jedoch herzlich darüber lachen. „Hey! Das ist echt nicht witzig!“ „Nein, ist es nicht, Kleiner. Du bist nur so herrlich naiv. Immer wieder süß, was ihr Bionetter so alles glaubt.“ Bryan schüttelte den Kopf und räumte noch mehr Kisten in das Fahrzeuginnere. „Die Outskirts sind genauso radioaktiv wie jede andere Stadt auch. Okay, ich gebe zu: es gibt einige Landstriche, die wir tatsächlich nicht betreten sollten weil sie wirklich verseucht sind. Aber wenn man die großräumig umgeht ist es kein Problem. Wir wissen ja wo wir lang müssen. Es stimmt im Übrigen auch nicht, dass es lauter Infizierte in den Outskirts sind. Klar liegt die Krankheitsrate hier höher. Gibt ja auch keine medizinische Versorgung, so wie in den Städten.“ „Moment“, unterbrach ihn Max, „Es leben wirklich Leute in den Outskirts?“ „Ja, natürlich, was denkst du denn, Kleiner? Und es sind auch wirkliche Menschen und nicht nur Mutanten oder so was.“ „Was? Mutanten?“ Wieder musste Bryan lachen. „Ha! Du lässt dich echt gut verarschen, Blondi. Ich mag dich jetzt schon.“ Max pustete beleidigt die Wangen auf. „Hey, ich habe es halt nicht anders gelernt und im übrigen heiße ich Max.“ Bryan bedeutete ihm, ihm zu helfen mit einigen der größeren Kisten und so packte er so gut es ging mit an. „Okay, Max. Denn hör mir mal zu. Biovolt erzählt euch nur Mist. Hast du doch vorhin selber erfahren oder? Die Bionetwelt ist eine Lüge und geht komplett an der Realität vorbei. Die Märchen über die Outskirts? Es soll halt keiner von euch Schäfchen auch nur auf die Idee kommen darüber nachzudenken raus aus euren goldenen Käfigen zu wollen. Die sogenannten Säuberungsaktionen in den Outskirts? Ich sag dir, was sie wirklich tun. Krankheiten und Radioaktivität oder was der Krieg sonst so angerichtet hat, beseitigen sie nämlich nicht. Stattdessen säubern sie die Outskirts von Leuten, die ihre so heiß geliebte Diktatur gefährden könnten. Größere Siedlungen werden beseitigt oder was sie sonst so an Zivilisation finden.“ Max schluckte hart und biss sich auf die Unterlippe. Er glaubte ihm. Aber das machte die harte Wahrheit nicht weniger schmerzhaft. Es tat ihm wirklich weh, seine bisherige Weltanschauung zerbrechen zu sehen und sein Weltbild begraben zu müssen. Ja... Rick hatte wirklich Recht gehabt... Er seufzte schwer.
 

„Jetzt fang nicht an zu flennen, Kleiner“, eine Hand legte sich von hinten auf seinen Kopf. Tala stand hinter ihm. „Es mag zwar scheiße klingen, aber wir haben einen Grund zu feiern. Denn wir konnten dich lebend da raus holen. Ist leider immer noch die Ausnahme, statt die Regel. Den Rest schaffen wir jetzt auch noch.“ Er ruinierte ihm kurz noch die eh nicht vorhandene Frisur, bevor er die Hand wieder zurückzog.

Tief atmete Max durch. Er hatte ja Recht und so versuchte er sich in einem dankbaren Lächeln, was aber eher bedrückt rüberkam. „Ich bin euch allen wirklich dankbar. Versteht mich bitte nicht falsch. Wenn es was gibt, was ich im Gegenzug für euch machen kann, sagt es mir bitte. Ich steh echt tief in eurer Schuld.“

„Goldig, was, Tala?“ Bryan grinste wieder, ehe er verkündete: „Wir können jetzt übrigens los fahren.“ Der Rothaarige nickte daraufhin. "Und Kleiner, wenn du uns wirklich helfen willst, dann schließ dich unserer Rebellion an. Keine Sorge, wir finden schon eine passende Rolle für dich. Deswegen fahren wir ja auch jetzt zu den Allstarz. Bevor du fragst: das ist ein Team, wie wir es sind. Wir nennen uns übrigens Demolition Boys. Wir haben alle Bitbeasts und sind nicht mit dem Bionet verbunden. Die Allstarz sind keine Kampfgruppe, wie wir es sind. Aber sie haben dich aufgespürt. Wie sie das gemacht haben, kannst du sie selbst fragen, wenn wir da sind. Und jetzt ab ins Auto, ich hab für heute echt genug gequasselt.“
 

Max hatte immer noch tausend Fragen. Aber er beließ es für‘s Erste bei dieser Erklärung und stieg in das Fahrzeug. Es brach wirklich nicht auseinander, selbst als sie alle drin Platz genommen hatten und Ian das Vehikel gestartet hatte. Es war ganz schön laut und ruckelte während sie fuhren. So hatten sich also früher mal die Menschen fortbewegt. Ganz schön anstrengend. Die Fahrbahnen, wenn es denn welche gab und diese nicht nur aus Sand- oder Dreckpisten bestanden, waren in einem furchtbaren Zustand.

Ab und zu hielten sie an, um den Fahrer zu wechseln, den Inhalt eines Kanisters ins Auto zu kippen oder um sich zu erleichtern. Hier und da hielten sie auch an einem heruntergekommenen oder halb eingefallenem Gebäude, aus denen meistens auch tatsächlich eine oder mehrere Personen kamen. Dann tauschten die Demolition Boys einige der Kisten mit ihnen gegen andere aus. Tatsächlich musste Max zugeben, dass diese Menschen normal aussahen, wenn auch etwas heruntergekommen und zerschlissen.

Max erfuhr noch, dass die Demolition Boys eigentlich aus Russland kamen. Da die Rebellen aber global tätig waren, halfen sie sich gegenseitig aus und so kam es durchaus auch mal vor, dass sie weit reisen mussten. Auf die Frage hin, warum sie nur uralte Maschinen und Technologie verwendeten, gab es auch eine ganz einfache Antwort: der alte Krempel hatte einfach keinen Bionet Port und konnte so nicht von Biovolt verfolgt werden. Außerdem war es einfacher, auf schon vorhandene Geräte zurückzugreifen und diese gegebenenfalls zu reparieren, als ständig neue zu bauen.

Ansonsten fuhren sie die ganze Zeit und es wurde im Auto während der Fahrt geschlafen, was der Blondschopf so gut wie nicht fertig brachte, getrunken und gegessen. Insgesamt war das Ganze echt anstrengend und verlangte Max zusammen mit seiner allgemeinen Lage doch mehr ab, als er zugeben wollte. Außerdem hatte er sich noch nie derart gelangweilt; so ganz ohne die Unterhaltung und Kommunikation, die das Bionet zu bieten hatte. Es fehlte ihm jetzt schon. Doch da war wohl nichts zu machen und er würde sich daran gewöhnen müssen, so ätzend, wie es eben war.
 

Endlich, nach zwei Tagen, verkündete Ian, dass sie da seien. Neugierig schaute Max aus dem Fenster. In der Ferne waren tatsächlich unzählige Hochhäuser und Schlote zu sehen. Wenn er ehrlich sein sollte und er es von hier aus denn beurteilen konnte, hatte das Stadtbild große Ähnlichkeit mit dem vom Las Vegas: trist, grau und langweilig. Mit den Bildern, die er kannte, hatte das jedenfalls nichts zu tun. Wie viel diese hübschen Texturen doch ausmachen konnten.

Spencer, der das Auto fuhr, hielt in ganzes Stück weit weg in einer Art verlassenen Lagerhalle oder so etwas. Dort stiegen sie aus und begannen, das Fahrzeug und einige Kisten zu verräumen. Max musste sich erst mal strecken und versuchte die Müdigkeit von sich abzuschütteln. Er war heilfroh, dass die Fahrt mit diesem unbequemen Automobil nun vorbei war.

Sie mussten noch eine Weile lang gehen, bis sie vor den gut gesicherten Stadtmauern standen. „Und wie kommen wir da jetzt rein?“, fragte Max die anderen. Immerhin brauchte man eine Bionet ID, um Städte betreten zu können.

Genau in diesem Augenblick kam eine Cargodrohne über die Stadtmauern geflogen und landete neben ihnen. Die Ladeklappe ging auf und ein blonder, junger Mann mit Basecap winkte sie herein. „Hi Leute, schnell, kommt rein, hopp, hopp.“

Während Max noch etwas stutzte, setzten sich die anderen in Bewegung und zogen ihn einfach mit. Kaum waren sie alle in dem Laderaum zwischen all den Paketen und Kisten, schloss sich die Klappe wieder und es wurde stockfinster. „Los, Trygle...“, flüsterte der Mann mit der Basecap. Ein Adlerschrei war zu hören und ein gelbes Licht flackerte auf, ehe sich die Drohne sanft in die Lüfte hob und kurze Zeit später wieder landete. Die Klappe ging auf, sie eilten alle schnell heraus und dann flog die Drohne auch schon wieder weiter ihren gewohnten Weg.

Sie waren nun tatsächlich in der Stadt.

Irritiert starrte Max der Drohne nach, als sich auch schon eine Hand in sein Blickfeld schob. „Hey, willkommen in New York. Ich bin Michael.“ Der junge Mann lächelte ihn an und so musste auch er nun lächeln. „Hi, mein Name ist Max. Danke, dass ihr mir helft.“ Michael schüttelte ihm die Hand. „Cool, dich kennen zu lernen. Und hey, gern doch. Es ist super, dich jetzt bei uns zu haben. Komm, ich stell dir anderen auch gleich vor, wenn wir da sind.“ Mit diesen Worten deutete er an, dass ihm die Truppe folgen sollte. Das taten sie dann auch. Michael kannte sich wirklich gut in der Stadt aus und nahm absichtlich die weniger belebten Wege, denn sonst wären sie unter Garantie noch mit irgendwem zusammengestoßen. Die Bevölkerung, natürlich verbunden mit dem Bionet, nahm sie überhaupt nicht wahr. Ganz so, als ob sie nicht existieren würden. Offiziell taten sie das ja auch nicht. Das war ein wirklich seltsames Gefühl und es kam Max so vor, als ob er ein Fremdkörper wäre.

Michael warf kurz einen Blick zu ihm. „Schon komisch, plötzlich ein Geist zu sein, oder? Ich kann dich aber beruhigen. Man gewöhnt sich dran und außerdem hat es auch seine Vorteile, wenn man nicht beobachtet werden kann. Ist das dein erster Besuch in New York? Sieht komplett anders aus, als im Netz, oder?“ Der Angesprochene schüttelte den Kopf. „Eigentlich bin ich hier geboren und habe auch einige Jahre meiner Kindheit hier verbracht. Ich bin dann mit meiner Mom nach Las Vegas gezogen. Das war arbeitsbedingt. Aber ich erkenne hier nichts mehr wieder. Es ist wirklich seltsam ohne das Netz...“ „Oh? So ist das also, verstehe. Aber ja, es ist echt seltsam, wenn man plötzlich offline ist. Daran muss man sich auch erst mal gewöhnen. So. Wir sind da.“

Michael öffnete eine Tür von einem der grauen Gebäude und führte sie einige Treppen hinab und schließlich in einen größeren Raum, der mit lauter altmodischen Rechnern und Geräten gefüllt war. „Hier ist das Allstarz Hauptquartier und wenn ich vorstellen darf? Die Mitbegründerin der Rebellion: Emily.“ Eine junge Frau mit orangen Haaren und Brille erhob sich von einem der Schreibtische und ging auf die Neuankömmlinge zu. „Hi und willkommen bei den Allstarz, Max. Du bist sicherlich müde von der langen Fahrt. Vielleicht ruhst du dich erst mal richtig aus.“ Woher kannte sie seinen Namen? „Hey und was ist mit uns?“, beschwerte sich Bryan, woraufhin sich Emily mit einem Seufzen an die Russen wandte. „Keine Sorge, ich habe euch nicht vergessen, du alter Ungeduldsbengel. Danke, dass ihr Max da raus geholt und her gebracht habt, Jungs. Für euch haben wir natürlich auch alles vorbereitet. Michael, wenn du freundlich wärst? Ich hab jetzt leider noch ein Meeting.“

Gerade als Michael sie wegführen wollte, klopfte es auch schon an der Türe. „Emily, bist du so weit für unsere Besprechung?“, sagte jemand und trat in den Raum.

Überrascht wirbelte Max herum und machte große Augen. Das konnte doch nicht sein!

Kommentare

Bild des Benutzers Meakuel

Max ist wie auf kaltem Entzug. Irgendwie hilflos, von der Realität überfordert, wie sie im nicht geben kann, wonach er sich sehnt. Aber Langeweile fördert die Kreativität! Man braucht eine Bionet ID für Städte? Mir wird erst so langsam bewusst, dass Biovolt das mit der Weltherrschaft echt durchgezogen hat. Sie kontrollieren alles! Gefühlt! Die Rebellen können sich ja so weit entziehen. Und Max und die anderen SIND Fremdkörper, die es zu bekämpfen gilt.

Emiy hat es spürbar eilig, Meeting, das klingt bei einer Rebellion, bzw. generell in ihrer tristen Realität so unscheinbar.

Ist das jetzt Judy? Aber wie sollte das gehen? Lebt er im Bionet etwa auch bei seinem Vater und hat seine Mutter schon länger nicht mehr gesehen? Aber er ist ja mit ihr nach Los Angeles gezogen und es hieß, er ist für seine Eltern tot, also müssten sie ja dort sein. Außerdem hat Judy ja kein Bitbeast. Auf jeden Fall scheint er die Person ja zu kennen….Warte! Ist es Rick? =D

Bin gespannt, wie es weiter geht! Ich finde es wirklich faszinierend, wie die Rebellen ihre Bitbeasts nutzen. Und generell, wie auf eine ganz andere Art die Blader für Biovolt gefährlich werden. Super Konzept! =D

Bild des Benutzers Traiko

Realität ist ja auch schrecklich xD

Und ja, die haben das echt durchgezogen mit der Weltherrschaft. Was die Rebellion so dagegen tut, wird in den nächsten Kapiteln dann hoffentlich etwas klarer.

Ich bin echt froh, dass dir die AU so gut gefällt. Das motiviert mich sehr, die Story auch weiter zu spinnen :3 Vielen, lieben Dank für deinen Kommentar!

Bild des Benutzers Traiko

*Traiko versucht verzweifelt, diesen versehentlichen Kommi zu löschen*