The Ghost of Christmas Present

Tala rieb sich die Augen und starrte durch das Fenster auf Moskau hinab, das in einer dichten Nebeldecke versank. Er hatte die letzte Nacht kaum geschlafen, außer sein Aufeinandertreffen mit dem Geist der vergangenen Weihnacht war ein äußerst lebhafter Traum gewesen.
Im Moment hatte es keinen Sinn länger darüber nachzugrübeln. Er schlüpfte in dunkle, unauffällige Klamotten, stellte sicher, dass er seinen roten Haarschopf bei Bedarf unter der Kaputze verbergen konnte und verließ die kalte Wohnung.

Draußen war es wärmer, als am Vortag. Ein gutes Zeichen. Kaltes Wetter war schlecht für’s Geschäft. Und zu gutes Wetter ließ die Konkurrenz aus ihren Löchern kriechen.
Wie ein Schlafwandler bewegte er sich durch die Stadt, während seine Gedanken um die letzte Nacht kreisten. Ihm war durchaus bewusst welche Lektion ihm der Geist vermitteln wollte. Er schnaubte. Als ob er das nötig hätte.

oOoOo

Als Tala die Metro verließ, befand er sich nicht in der besten Gegend Moskaus. Die Umgebung war von alten Plattenbauten aus der Sovjetzeit geprägt, zwischen denen sich schmale Gassen erstreckten. Er ignorierte das Mädchen, das an einer nahen Hauswand lehnte und ihm zuwinkte. Sie musste in dem kurzen Lederrock frieren, ließ es sich aber nicht anmerken.

Zwei Straßen weiter betrat Tala eine kleine Bar. Nichts Besonderes, von der Sorte gab es Tausende in der Stadt. Der Barkeeper hob eine Augenbraue, wies dann mit dem Kopf auf die Tür, die in den Hinterraum führte.
„Igor hat schlechte Laune“, meinte er noch. „Zu wenige Leute, die bei dem Wetter arbeiten.“
„Dann sollte er sich freuen mich zu sehen.“
„Das wäre das erste Mal.“

Eine Viertelstunde später verließ Tala die Bar mit einem kleinen Paket in der Jackentasche. Botengänge waren nicht seine bevorzugten Jobs, aber sie waren einfach, schnell zu erledigen und gaben gutes Geld. Vor allem wenn die Pakete nicht ganz legale Ware enthielten.
Die Adresse, an die er liefern sollte, kannte er bereits. Am anderen Ende der Stadt. Die Metro fiel als Transportmittel aus, bei der Anzahl an Gesetzeshütern, die in der Weihnachtszeit für Ruhe und Ordnung sorgten, ging er das Risiko lieber nicht ein. Kein Problem. Es würde länger dauern, aber die Kohle war es wert.
Er würde ein wenig Abstand zwischen sich und die Bar bringen, sich eine Mitfahrgelegenheit besorgen und die Sache wäre erledigt.
Oder das war zumindest der Plan.

Tala bog um eine Ecke und blieb wie angewurzelt stehen. Am Ende der schmalen Gasse saß eine riesenhafte Gestalt auf einem Thron aus Weihnachtsgebäck, Truthähnen, Modelleisenbahnen, Kleidern und Konsolen. Dazwischen ragten ein paar Bücher heraus. Die Gestalt - der zweite Geist - gab ein sanftes Leuchten von sich, hatte die Augen fest auf Tala geheftet und schien ihn zu erwarten. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, das von einem langen Bart geziert wurde. Er hob die linke Hand, in der er eine Fackel trug in Talas Richtung, leuchtete ihm den Weg.
Sieh mich an!
Unwillkürlich trat Tala näher an den Geist heran. Selbst sitzend war der Geist zwei Köpfe größer als er selbst.
„Ich habe keine Zeit für diesen Blödsinn“, sagte Tala. „Egal was du mir zeigen willst, es wird nichts ändern. Das hat dein Kollege schon versucht.“
Der Geist bedachte ihn mit einem Lächeln. Ich bin der Geist der diesjährigen Weihnacht. Mein Leben nähert sich dem Ende, willst du mir nicht diesen Wunsch erfüllen?
Tala seufzte. „Na schön.“
Dann geh ein Stück mit mir.

oOoOo

Obwohl sie sich dieses Mal nicht durch den Dunst von Erinnerungen bewegten, war niemand in der Lage Tala und den Geist zu sehen. Das Gefühl war ihm nicht fremd, er bevorzugte es sich beinahe unsichtbar durch die Stadt zu bewegen, sich in den Schatten zu halten und keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Der Geist führte ihn in eines der mehrstöckigen Wohngebäude und sie stiegen schweigend die Treppen hinauf. Hin und wieder hielt der Geist inne, schwenkte die Fackel in Richtung einer Türen und die Wut und der Zorn verschwanden aus den Stimmen dahinter. Die Magie der Weihnacht hatte sie erfasst und ließ sie ihre Differenzen ruhiger sehen.

Tala zählte nicht wie viele Stockwerke sie nach oben stiegen, bevor sie durch eine der geschlossenen Türen traten. Die Wohnung wirkte unwesentlich weniger schäbig als jene, die Tala bewohnte und ihr Besitzer schien keinen großen Wert auf Möbel zu legen.
Der Wohnraum wurde von einem Schlafsofa dominiert, einem Stuhl, der wohl die Aufgaben des Küchentisches übernahm und in einer Ecke stapelten sich einige Plastikboxen, in denen der Bewohner sein restliches Habe aufbewahrte. Am Fensterbrett stand ein Laptop, verbunden mit einem Internetstick, den jemand an die Scheibe geklebt hatte, wohl in der Hoffnung besseren Empfang zu haben.
Es überraschte Tala nicht, als Bryan aus dem Badezimmer trat und sich auf das Sofa fallen ließ. Er verbrachte einen Moment damit zwischen den Bettlaken nach seinem Smartphone zu suchen, tippte kurz darauf herum und klemmte es dann zwischen Schulter und Ohr ein, während er in Richtung der Kochnische tappte.
„Hey, wie geht’s?“
Tala folgte ihm in die Küche, lehnte sich beim Fenster an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ja, alles in Ordnung. Wollte euch nur frohe Weihnachten wünschen.“
Der Geist machte wieder eine Bewegung mit seiner Fackel.
Telefonate sind doch interessanter, wenn man beide Seiten hören kann.
„Dir auch frohe Weihnachten, Bryan“, sagte eine Frauenstimme am Telefon. „Bist du sicher, dass du nicht heute schon kommen willst? Du könntest hier übernachten.“
Bryan ließ sich mit der Antwort Zeit, öffnete einen Küchenkasten, aus dem ihm prompt eine Rolle Geschenkpapier entgegen fiel.
„Ich weiß“, gab er dann zurück.
Die Frau seufzte. „Triffst du dich wieder mit deinen Teamkollegen?“
„Mhm. Spencer hat eine neue Wohnung. Und Ian hat versprochen den Baum dieses Jahr nicht anzuzünden. Ich glaub’s erst wenn ich es sehe.“
Wie um seine Worte zu unterstreichen fischte er einen kleinen Feuerlöscher aus dem Küchenkasten und stellte ihn auf der Arbeitsfläche ab, stapelte daneben drei sorgfältig verpackte Päckchen.
Die Frau lachte leise. „Richte schöne Grüße aus.“
„Klar, mach ich. Du auch.“
Eine Weile sprachen die beiden nicht mit einander. Bryan nutzte die Zeit, um die Päckchen, den Feuerlöscher und eine Dose voller Plätzchen in eine Sporttasche zu packen und sie neben der Eingangstür zu platzieren.
„Sag Bescheid, wenn wir dich vom Bahnhof holen sollen.“
„Klar. Viel Glück mit der Familie heute Abend.“
Wieder ein leises Lachen. „So schlimm ist es nicht. Es sind nur … viele Leute.“
„Sag ich ja.“
„Viel Spaß mit deinen Freunden“, sagte sie.
„Danke.“
Wieder Schweigen. Bryans Blick wanderte aus dem Fenster und er öffnete den Mund, schien unsicher ob er aussprechen sollte, was ihm durch den Kopf ging. „Ich freue mich auf morgen“, sagte er dann. „Bis dann.“
Er ließ ihr nicht die Gelegenheit zu antworten, sondern beendete das Gespräch, ließ das Telefon auf die Arbeitsfläche fallen und atmete tief durch.
„Mit wem hat er geredet?“, wollte Tala wissen.
Seiner Mutter, antwortete der Geist. Er ruft sie zu jedem wichtigen Anlass an.
„Bryan hasst seine Mutter.“
Hass ist so ein schwieriges Wort.
„Sie hat ihn im Stich gelassen.“
Sie bemüht sich den Riss in ihrer Beziehung zu flicken so gut sie kann.
„Das ändert nichts.“
Doch. Die Gegenwart und die Zukunft.
Tala schwieg und beobachtete Bryan wie er das Telefon wieder aufsammelte und einsteckte, anschließend die Sporttasche schnappte und die Wohnung verließ.
Wir sollten ihm folgen.
Tala war nicht sicher, ob er das wollte.

oOoOo

Spencers Wohnung war deutlich heller, freundlicher und … eingerichteter als Bryans. Das Wohnzimmer war tatsächlich ein Wohnzimmer und sowohl Küche, als auch Schlafzimmer befanden sich in extra Räumen. Und nichts davon war klein. Diese Wohnung musste ihn ein Vermögen gekostet haben.
Ian hatte es sich am Sofa bequem gemacht, an seiner Seite eine junge Dame, die sich vom Plätzchenteller bediente, während er selbst an der Elektronik der Lichterkette werkelte. Manche Dinge änderten sich eben nie. Spencer selbst stand - groß und muskulös wie immer - in der Küche und drohte dem Ofen mit Vergeltungsmaßnahmen, wenn er nicht langsam heiß wurde. Als Bryan an der Tür klingelte, fühlte sich niemand zuständig sie zu öffnen und er ließ sich kurzerhand selbst hinein.
„Bist spät dran“, sagte Ian ohne aufzusehen.
„Besser zu spät als zu früh“, gab er zurück. „Hi, ich bin Bryan.“
Die Frau erhob sich vom Sofa und schüttelte seine Hand. „Irina. Freut mich.“
Er ließ die Sporttasche neben dem Sofa stehen, verschwand in der Küche und klopfte Spencer auf die Schulter.
„Raus hier, bevor du das Essen versaust.“
„Ich mach doch gar nichts!“
„Deine Anwesenheit reicht.“
Ian lachte, als Spencer den anderen mit dem Geschirrtuch aus der Küche vertrieb.
„Wo ist Grigorij?“, wollte Bryan wissen.
„Kommt später.“
Bryan öffnete die Sporttasche, platzierte den Feuerlöscher neben dem Baum und fischte die Päckchen hervor.
„Tala?“
„Nichts.“
Er legte eines der Päckchen wieder zurück und den Rest unter den Baum.
„Hast du auch nicht wirklich erwartet, oder?“, fragte Ian.
Bryan zuckte mit den Schultern. „Weihnachtswunder passieren.“

Spencer hatte den Ofen überredet seine Arbeit zu tun, eine Flasche Wein geöffnet und sich zu den anderen gesellt, um Neuigkeiten auszutauschen und je länger der Abend dauerte, desto ausgelassener wurde die Stimmung. Als Grigorij die Wohnung betrat, ließ er sich neben Spencer nieder, legte einen Arm um ihn und versuchte einem leicht betrunkenen Ian zu erklären, dass sie sich kein Zimmer zu nehmen brauchten, weil er hier wohnte.
„Es ist eine Redewendung!“
„Die in dem Fall keinen Sinn macht.“
„Muss sie auch nicht.“ Schmollend verschränkte er die Arme vor der Brust und versuchte Bryan zu ignorieren, der ihm eine Weihnachtsmannmütze über den Kopf stülpte.
Sie sind glücklich, sagte der Geist.
Tala gab keine Antwort. Das sah er selbst. Er hatte den Blick auf Bryans Gesicht gesehen, als er nach ihm gefragt hatte. „Unsere Wege haben sich getrennt.“
Sie können sich wieder treffen.
Vielleicht. Tala war nicht sicher ob er das wollte. Er und das Team hatten viel gemeinsam erlebt und das meiste davon wollte er lieber vergessen. Es war einfacher zu vergessen, wenn man nicht ständig von jemandem umgeben war, der einen an die Vergangenheit erinnerte.
Der Geist redete nicht weiter auf ihn ein, sondern deutete ihm mit einem Wink ihm zur Tür zu folgen.

oOoOo

Der Geist führte ihn durch die Straßen Moskaus. Immer wieder schwenkte er die Fackel, um erhitzte Gemüter zu besänftigen, um einfachen Speisen den Geschmack von Weihnachten zu verleihen und das trieste Leben der Moskauer zu erhellen.
Nichts davon würde eine karge Speise ausgiebiger machen, einen Streit schlichten oder den Menschen helfen, wenn sie am Ende des Monats ihre Rechnungen bezahlen mussten. Aber für einen kurzen Moment bescherte es ihnen Freude, Sorglosigkeit und Glück.
Und vielleicht war das alles, das es im trostlosen Alltag manchmal brauchte.

Sie betraten eine Bäckerei, beobachteten Kai eine kurze Weile dabei wie er mit seinem Großvater eine Tasse Tee trank. Es waren keine freundlichen Worte, die zwischen ihnen gewechselt wurden, aber ihnen fehlte die übliche Schärfe, der Sarkasmus und die gegenseitigen Anschuldigungen. Und am Ende nahm Kai sogar die Einladung zum Abendessen an.
Alte Wunden sitzen tief, sagte der Geist. Tala antwortete nicht und so zogen sie weiter.

Immer weiter führte sie ihr Weg an den Stadtrand. Tala kannte diese Gegend - er war hier in der Nähe aufgewachsen. Der Vorstadtfriedhof war ihm aus seiner Kindheit vertraut, als er seine Mutter zum Grab der Großmutter begleitet hatte. Heute führte sie ihr Weg zu einem anderen Grab.
Das Grab war verwuchert. Zeugte von den Jahren, in denen sich niemand darum gekümmert hatte. Auf dem schlichten Grabstein stand der Name seines Vaters.
„Dann hat er sich also in den Tod gesoffen.“
Ja, stimmte der Geist zu. Er ist einen einsamen Tod gestorben. Eine Nachbarin hat ihn nach ein paar Tagen entdeckt.

oOoOo

Im einen Moment hatte er noch neben dem Geist am Friedhof gestanden, im nächsten fand er sich wieder in der Gasse, in der er dem Geist der gegenwärtigen Weihnacht begegnet war. Tala strich sich mit der Hand über das Gesicht. Sie zitterte und es war nicht von der Kälte.
Das Päckchen in seiner Jacke wog plötzlich hunderte Kilo und er sollte sich beeilen es los zu werden, bevor der dritte Geist ihn fand.

Kommentare

Bild des Benutzers Meakuel

Und ob er das nötig hat, diese Lektion!

Ob die Mitfahrgelegenheit so ganz legal geworden wäre ...

Der Geist des Konsums! Äh, der diesjährigen Weihnacht! Ich finde den Aspekt, dass auch seine Zeit bald vorbei ist, interessant. Seinen Geist der Weihnacht verbreitet er aber nur sehr sporadisch. An Weihnacht gibt es immer extrem viel Stress und Zoff! =P

Bryan hat nicht viel, wohl aber darum auch keine Ordnung. =D

Wegen dem Geschenkpapier bei den Küchensachen. Warum?

Ian und der Baum, hast nen guten Running Gag eingeführt! XD


Hach, Bryan und seine (OC) Familie. Er zeigt sich hier stark, auch wenn er noch einiges an Zeit brauchen wird, die ganze Familie braucht die wohl.

Bryan und Tala, beide von ihrer Mutter verlassen, ihr Schicksal ähnelt sich.

Die Umgangsformen der Teamkameraden untereinander ist einzigartig. Ian kommt ja wohl auch nicht auf die Idee seine Freundin vorzustellen und Spencer ist ne Begrüßung schon zu viel!
Das Bryan nach all der Zeit immer noch an Tala mitdenkt und hofft, dass er doch noch kommt ...Das ist so schön!

Es war einfacher zu vergessen, wenn man nicht ständig von jemandem umgeben war, der einen an die Vergangenheit erinnert. Aber man kann sich auch gemeinsam daran machen, die Vergangenheit zu bewältigen. Sie haben das Gleiche, bzw. Ähnliches durchgemacht, es sind Vertraute! Und wieder ein Leben zu haben!


Die Szene mit Kai und Voltaire finde ich weiterhin schön, so viel Potential in der gestörten (Anime) Beziehung.

So viele Szenen, so viele Emotionen. Das muss für Tala einfach alles zu viel sein. Spätestens beim Grab seines Vaters. Der Hass, die Verzweiflung, das dürfte alles ihn aufgewühlt haben

Bild des Benutzers Bäumchen

Meines Wissens (das sich halt leider auch nur auf Bücher und Internetrecherche bezieht) ist's in Moskau durchaus üblich ein privates Auto anzuhalten, sich irgendwohin mitnehmen zu lassen und dem Fahrer 'n bissel Fahrgeld zuzustecken. Taxis sind überbewertet xD

> Wegen dem Geschenkpapier bei den Küchensachen. Warum?

Weil in dem Schrank gerade Platz war vermutlich ^^"

Ich denke bei der Vergangenheit der Jungs ist es schwer so was wie Normalität aufzubauen und sie sind da alle in einem anderen Stadium auf dem Weg dorthin. Die einen mit Hilfe, die anderen ohne und nicht jeder gleich erfolgreich. In dem Fall fällt's Tala am schwersten und nett ist es von den Geistern sicher nicht ihn so ins kalte Wasser zu schubsen ... aber irgendwer muss ihn schubsen. Auch wenn's weh tut.