The Ghost of Christmas Yet To Come

Es war früher Nachmittag, als Tala in seine Wohnung zurück kehrte. Sie wirkte noch trostloser als zuvor, aber es gab wenig, das er im Moment dagegen tun könnte.
Er hievte die Matratze hoch, lehnte sie an die Wand und machte sich daran den Lattenrost zu reparieren. So gut das eben möglich war.
Schwer zu sagen wie viel Zeit verging. Er war sich bewusst, dass ihm noch der Besuch eines Geistes bevor stand und auch wenn er nicht sicher war, was dieser ihm zeigen würde, wusste er, dass es ihm nicht gefallen würde. Bevor er sich zu sehr vor seiner Zukunft fürchten konnte, stellte er Tee auf, machte sein Bett fertig und versuchte dahinter zu kommen wann er angefangen hatte die Gegenwart seiner Freunde zu meiden. Er kam nicht dahinter. Es war lange her.

Er spürte den Geist, bevor er ihn sah. Die Aura, die ihm vorauseilte, jagte Tala eine Gänsehaut über den Körper und ließ ihn unwillkürlich die Augen abwenden.
Dieser Geist war anders als die beiden, die ihm voran gegangen waren. Er war vollständig in eine dunkle Robe gehüllt, das Gesicht unmöglich zu erkennen. Einzig eine faltige weiße Hand, die zwischen den Falten der Robe hervor ragte, gab Aufschluss über die Gestalt, die sich unter den Kleidern verbergen musste.
„Du bist der Geist der zukünftigen Weihnacht, nicht wahr?“, sprach Tala ihn an.
Der Geist sprach nicht, neigte nur das Haupt und glitt auf unsichtbaren Füßen näher.
Zu nahe für Talas Geschmack. Es kostete ihn einige Mühe nicht zurückzuweichen. Stattdessen machte er einen Schritt auf den Geist zu.
„Zeig mir den Weg.“
Der Geist wandte sich um und schritt durch die Wand, Tala dicht hinter ihn.

oOoOo

Hinter ihnen fiel eine Tür ins Schloss. Tala warf einen Blick über die Schulter. Sicherheitstür.
Vor ihnen erstreckte sich ein langer Gang. Links und rechts schwere Stahltüren mit kleinen Sichtfenstern, die in kleine Räume führten. Zellen. Sie waren in einem Gefängnis.
Tala versuchte einen Blick auf die Insassen zu erhaschen. Er blieb stehen, als er Boris’ Gesicht hinter einer der Türen erkannte.

Boris war alt geworden, hager. Sein Haar war weiß und hing in langen Strähnen um sein Gesicht. Tala hatte kein Mitleid mit ihm. Der Alte war genau dort wo er hingehörte, aber er zweifelte daran, dass Boris der Grund war, wraum sie hier waren. Vor allem da der Geist einige Schritte weiter geglitten war und dort auf ihn wartete.
Früher hatte Tala gedacht er würde Genugtuung empfinden, wenn Balkov endlich hinter Gittern saß und er so auf ihn hinab starren konnte. Das Gefühl wollte sich jetzt nicht einstellen. Boris verdiente es, dennoch wünschte er niemandem so zu enden. Er würde hier sterben und niemand würde um ihn trauern.

Tala riss sich von dem Anblick los und folgte den Geist. Die weiße Hand wies auf eine weitere Tür, beinahe am Ende des Ganges und Tala trat heran, blickte durch das Sichtfenster … und sein Blick fiel auf ihn selbst.
Er würde lügen, wenn er sagte, dass er es nicht geahnt hätte. Dennoch wich er einen Schritt zurück. Der Hass und der Schmerz, die sich in den Augen seines zukünftigen Selbst spiegelten, ließ ihn beinahe erstarren, als wäre er nichts weiter als hilflose Beute, gefangen in den Klauen eines grausamen Jägers.
Es war nicht abwegig, dass er hier landen würde. Alleine in den letzten zwölf Stunden hatte er mehr Gesetze gebrochen, als er an einer Hand abzählen konnte. Ob ihn eines dieser Vergehen aber in den gleichen Trakt wie Boris bringen würde? Er bezweifelte es doch stark.
Nein. Diese Zukunftsversion von ihm hatte sich etwas anderes zu schulden kommen lassen. Schlimmeres.
Der Geist würde auf seine Fragen nicht antworten und Tala war bestrebt nicht selbst herauszufinden wie sein Weg an diese Stelle geführt hatte.
„Zeig mir nur, dass ich nicht wie Balkov ende“, bat er und wandte den Blick von der Türe ab.

Der Gang um sie herum wurde schäbiger, das Licht begann zu flackern und der Geist wies erneut zur Tür. Tala unterdrückte ein Seufzen. Die gleiche Zelle. Aber Jahre mussten vergangen sein, wenn die abblätternde Farbe an den Wänden ein Hinweis war.
Zwei Gefängniswärter näherten sich ihnen, beide einen grimmigen Ausdruck im Gesicht.
„Wann ist das passiert?“, fragte der ältere Wärter.
„Irgendwann in den letzten drei Stunden. Als Jegor seine Runde gemacht hat, war noch alles in Ordnung.“
Der jüngere der beiden Männer schloss die Zellentür auf und nur kurz erhaschte Tala einen Blick auf den Körper, der von der Decke baumelte.
„Was für eine Sauerei“, sagte der ältere Mann. „Und ich kann das wieder den Oberen erklären.“
Der andere Wärter blieb außerhalb der Zelle stehen, unschlüssig was er tun sollte. „Gibt es Angehörige, die ich verständigen muss?“
„Nicht dass ich wüsste. Den hat in all den Jahren keiner besucht. Immerhin ein Problem weniger. Jetzt hol Kostja, damit er hier alles sicherstellt und wir aufräumen können. Kann mir Schöneres vorstellen, als Überstunden zu schieben.“
„Und das an Weihnachten …“, murmelte der jüngere Wächter kopfschüttelnd, drehte sich wieder um und verschwand in die Richtung aus der er gekommen war.
Der ältere Wärter warf dem Toten noch einen missmutigen Blick zu, trat aus der Zelle und zündete sich eine Zigarette an, sichtlich genervt von diesem unwillkommenen Zwischenfall.
„Ich habe genug gesehen, Geist“, sagte Tala leise. Und er wollte nicht mehr sehen. Die Zukunft zu kennen, sich der Gefahr bewusst zu sein, bedeutete auch, dass es in seiner Macht lag sie zu ändern. Er musste nicht in dieser Zelle landen. Weder lebend und schon gar nicht tot.
Der Geist trat erneut durch eine Wand und Tala folgte ihm nur zu gerne. Was konnte ihn jetzt noch erschrecken?

Obwohl er darauf vorbereitet gewesen war, versetzte ihm das kahle Grab mit seinem Namen darauf einen Stich ins Herz. Hier lagen seine Überreste in der ärmsten Ecke eines moskauer Friedhofs, da kein Angehöriger für die Bestattungskosten aufkommen konnte. Selbst wenn seine früheren Freunde nach seinem Namen suchen würden, allein Zufall würde sie hierher führen und nach all den Jahren, die vergangen waren und die er den Kontakt zu ihnen gemieden hatte - und in dieser Zukunft meiden würde - konnte er da wirklich hoffen, dass es sie überhaupt kümmerte?
Seine Hand legte sich auf den kalten Stein und die Gegenwart des Geistes war ihm plötzlich stärker bewusst, als in den früheren Ausblicken. Schwarz und unausweichlich wie der Tod selbst.
„So weit wird es nicht kommen“, sagte Tala leise. Mehr zu sich selbst, als zu dem Geist. „Nicht so.“
Der Geist schwieg.
Er konnte die Zukunft ändern. Und ihm blieb nichts übrig, als sich an diesen Gedanken zu klammern, um in der Gegenwart des Geistes nicht zu verzweifeln.
„Kümmert es sie?“, fragte er dann. Er hatte gezögert die Frage zu stellen, unsicher, ob er die Antwort darauf kennen wollte.

Bryans Wohnung war immer noch schlicht, aber weniger kahl und lag in einer besseren Wohngegend. Statt des Internetsticks klebte eine Weihnachtsbaum-Lichterkette am Fenster und blinkte in verschiedenen Farben vor sich hin. Bryan selbst blätterte durch die Zeitung. Tala blickte über seine Schulter, als er einen Moment inne hielt, sein Blick auf einen kleinen Artikel am unteren Ende des Blattes fiel.
Häufung von Gefängnis-Selbstmorden.
Tala sah seinen eigenen Namen darin. Nur in einem kurzen Nebensatz erwähnt, nicht mehr als ein Beispiel. Bryan seufzte leise, strich mit der Hand einmal kurz über den Abschnitt. Er ließ die Zeitung am Küchentisch liegen, trat zum Fenster und stellte die Lichterkette ab, bevor er zu seinem gewohnten Tagesablauf überging.
Auf mehr hatte Tala nach all den Jahren wohl nicht hoffen dürfen.
Die Hand des Geistes legte sich auf seine Schulter und Bryans Wohnung verschwamm. Als sein Blick sich wieder klärte, war er zurück in seiner eigenen Bleibe.

oOoOo

Tala war in der letzten Nacht noch lange wach gelegen, als der Geist ihn verlassen hatte. Er hatte zu viel Zeit gehabt, um nachzudenken und war irgendwann in den frühen Morgenstunden in einen unruhigen Schlaf gesunken.
Als er sich endlich aus dem Bett quälte, war es viel zu spät, um all die Dinge zu tun, die er gerne getan hätte. Aber es war nicht zu spät, um zu spät zu Spencers Weihnachtsfeier zu kommen.
Er hatte die Einladung weggeworfen, somit konnte er nicht einmal mit Sicherheit sagen, wann er dort sein sollte. Und er hatte nur eine ungefähre Vorstellung davon wo Spencer überhaupt wohnte. Das hielt ihn aber nicht davon ab einen kleinen Teil seines hart verdienten Geldes für einen Ausflug ins Internet-Cafè zu nutzen und die Adresse zu suchen. Nichts leichter als das.
Schwieriger war die Sache mit den Weihnachtsgeschenken. Am Ende entschied er sich darauf zu verzichten. Das nächste Mal vielleicht. Tala hob eine Augenbraue, über sich selbst überrascht. Er war noch nicht einmal auf dem Weg zur der Feier und dachte schon über die nächste nach. Vielleicht hatte er den Kontakt zu seinem Team … zu seinen Freunden mehr vermisst, als er sich selbst eingestand.

Eine Stunde später stand er vor Spencers Wohnungstür, unschlüssig, ob er die Klingel betätigen, einfach eintreten oder auf dem Absatz kehrtmachen und verschwinden sollte. Er entschied sich für Ersteres und das Herz schlug ihm bis zum Hals, während er wartete.
Ein lautes Klirren verhieß nichts Gutes für das Schicksal eines der Weingläser, aber der ausgelassenen Stimmung auf der anderen Seite der Tür verpasste das keinen Dämpfer. Spencer öffnete die Tür und einen Moment lang starrten sie einander nur an.
„Hi“, sagte Tala.
„Hi.“
„Soll ich … wieder gehen?“
Spencer schüttelte den Kopf und machte den Weg in die Wohnung frei, starrte ihn an, während er aus seinen Schuhen schlüpfte, als wäre er Einbildung.
„Schön dich zu sehen, Tala“, sagte er schließlich. „Wir haben … nicht mit dir gerechnet.“
„Ich hatte nicht vor zu kommen.“
Spencer nickte nur. Es war nicht die Zeit, um Fragen zu stellen. Stattdessen wies er mit der Hand in Richtung Wohnzimmer.
Ians Augen weiteten sich, als Tala den Raum betrat und Bryan starrte ihn irritiert an, bevor sich ein breites Grinsen auf sei Gesicht schlich.
„Hi. Ist eine Weile her.“
Ian grunzte. „Eine Weile, sagt er.“
Bryan klopfte neben sich auf das Sofa. „Hör schon auf unbeholfen in der Gegend herumzustehen. Steht dir nicht.“
„Das ist Ians Freundin Irina. Und Grigorij gehört zu mir“, stellte Spencer die anderen Personen im Raum vor.
„Freut mich“, sagte Tala. Was sollte er auch sonst sagen? Er reichte den beiden die Hand und ließ sich neben Bryan nieder.
„Wie kommt es, dass die beiden jemanden haben und du alleine hier bist?“
Bryan zuckte mit den Schultern. „Du warst ja nicht da.“
Eine von Talas Augenbrauen wanderte in die Höhe. „Ach komm schon, das einzige, das jedem verzweifelten Fangirl besser gefallen würde, als meine Freundin zu sein, ist die Vorstellung, dass ich’s mit dir treibe.“
Ian brach in Gelächter aus, was beinahe einem weiteren Weinglas das Leben gekostet hätte. Spencer richtete den Blick an die Decke. „Womit habe ich das verdient?“
„Irgendwann muss jeder für seine Sünden büßen“, meinte Grigorij und reichte Tala ein Weinglas. „Das wirst du brauchen.“
„Danke.“
„Welche Sünden muss Irina verbüßen, dass sie an Ian geraten ist?“, wollte Bryan wissen und bekam prompt ein Kissen an den Kopf geworfen.
„Warte nur ab, das bekommst du alles zurück.“

Tala lehnte sich zurück und eine Weile lauschte er den anderen nur. So viel hatte sich geändert. Dennoch fühlte es sich vertraut an. Lag vermutlich an den ständigen Sticheleien, die Ian und Bryan austauschten und Spencers wenig erfolgreichen Versuchen den Frieden wiederherzustellen.
Er fühlte sich wohl. Er hatte Menschen, die sich für ihn interessierten und schon bald würde er sich selbst in das Gespräch integrieren müssen. Sie würden ihm keine Wahl lassen. Aber für den Moment ließen sie ihm Zeit sich wieder an ihre Gegenwart zu gewöhnen und einfach nur zuzuhören und zu schweigen.

Er fühlte sich wohl bei ihnen.
Und kam es am Ende nicht genau darauf an?