Freude und Frohsinn

Kapitel 1: Freude und Frohsinn

Mit mürrischer Miene lag Johnny McGregor auf dem Bett im Hotelzimmer und starrte an die Decke. Seine feuerroten Haare waren zerzaust, und auch seine übrige Erscheinung bot wenig Anhaltspunkte für seine adelige Herkunft. Sein schwarzes T-Shirt wirkte zwei Nummern zu groß und seine grauen Bermuda-Shorts ließen ihn eher wie einen Pauschal-Touristen als einen Sprössling von edlem Geblüt wirken. So oder so – seine Laune hatte den Tiefpunkt erreicht.

Was hatte er erwartet? Er hätte wissen müssen, dass alles, was den Stempel ‚Stanley Dickenson‘ trug meist nicht das hielt, was es versprach. Der alte Kauz schien in einer ganz anderen Welt zu leben und seine Ideen waren häufig eher verrückt als nachvollziehbar. Und nun saß er mittendrin in diesem Schlamassel.

Wir wollen eine Profiliga einrichten‘, hatte Dickenson ihnen in einem Brief mitgeteilt, ‚Damit auch der Nachwuchs auf den Laienveranstaltungen eine Chance hat. In der Profiliga dürfen nur ausgewählte Beyblader antreten, die die gesonderte Schulung zur Eignung mitmachen und eine entsprechende Prüfung bestehen.

Dass das natürlich sämtliche Beyblader mit einem gewissen Niveau auf den Plan rief, die der Einladung sofort folgten, um sich dieser Fähigkeitsprüfung zu unterziehen, darauf hatte der Chef der BBA mit Sicherheit spekuliert. Und so war es auch gekommen.

Im Team der Majestics war es zu einer heftigen Debatte gekommen. Immerhin wäre es lachhaft in einer Kinderliga zu spielen, wenn es so etwas wie eine Erwachsenenliga gab. Als Johnny einwendete, dass es aber auch ziemlich peinlich werden konnte, wenn einer von ihnen diese Prüfung nicht bestand, hatte Enrico ihn ausgelacht, dass er diese Möglichkeit überhaupt in Betracht zog.

Nun, er hatte einfach an ihren Ruf gedacht – und Mister Dickenson war dafür bekannt, die Beyblader ans Limit zu treiben. Da er aber nicht vor seinem Team und der ganzen Welt als Feigling hatte dastehen wollen, hatte er sich angemeldet. Er bereute es inzwischen.

Allem Anschein nach hatte die BBA die riesige Hotelanlage für einige Zeit gemietet (Johnny fragte sich jetzt bereits, worauf er sich eingelassen hatte und wie lange es letzten Endes dauern würde, all das über sich ergehen zu lassen) und somit mussten sie sich auch nicht vor Papparazzi oder sonstiger Ablenkung sorgen.

 

Die Auftaktveranstaltung hatte in einem großen und prächtigen Saal stattgefunden, doch statt die allgemeine Verwirrung zu lichten, hatte Mister Dickenson für noch größeren Unmut gesorgt, als er kurzerhand die einzelnen Teilnehmer in Zweierteams und Doppelzimmer gesteckt hatte. Johnny hatte auf ein Einzelzimmer spekuliert oder zumindest gehofft, sich einen Raum mit Robert teilen zu können, aber die Zimmereinteilung war bereits im Voraus festgelegt worden und unumstößlich, wie Dickenson mehrfach betont hatte. Und so war er ausgerechnet mit Max Tate zusammen gesteckt worden. Max Tate. Es war nicht so, als hegte er irgendeine Abneigung gegen den Jungen – aber so wirklich sympathisch war er ihm auch nicht. Zumal er das Gefühl hatte, dass sie nicht unbedingt auf einer Wellenlänge lagen.

Als wäre das nicht genug gewesen, hatten sie alle neben einem Terminplan für die ersten Tage und dem Plan mit der Zimmerbelegung noch einen Zettel bekommen. „Um für die Profiliga zugelassen zu werden, muss jeder von euch seine Bereitschaft beweisen, sich den Aufgaben zu stellen, die ihr erhaltet. Ihr könnt euch Zeit lassen, erhaltet aber im Verlauf der Veranstaltung weitere Aufgaben“, hatte Dickenson gesagt, „Das ist die erste Aufgabe. Auf dem Zettel steht, was ihr von eurem Teampartner noch lernen könnt. Was euch als Beyblader noch fehlt. Lernt voneinander und ergänzt euch.

Und damit hatte er sie bis zum Abendessen in die Freizeit entlassen, um sich in ihren Zimmern einzufinden, schon einmal die Anlage zu erkunden und sich mit den anderen Teilnehmern auszutauschen.

 

Johnny hatte einige Zeit gerätselt, welche ominöse Fähigkeit ihm wohl angeblich fehlte und war zu keinem rechten Schluss gekommen, was auf dem Zettel stehen würde. Es hatte ihm Sorgen bereitet, welche Blöße er sich wohl geben musste und welche Schwäche ihm zugeschrieben worden war. Als er sich endlich dazu überwunden hatte den Zettel aufzufalten, stockte er bereits beim Lesen der ersten Zeilen:

Freude und Frohsinn hatte da in großen Lettern gestanden und er hatte es noch ein zweites und drittes Mal gelesen, um sicher zu sein, dass er richtig verstanden hatte. Freude und Frohsinn? Was sollte dieser Unsinn?

Mit düsterer Miene hatte er weitergelesen, was noch auf dem Zettel stand: ‚Johnny, du bist ein talentierter junger Beyblader. Der Spaß und die Freude an diesem wunderbaren Sport scheinen dir aber leider verloren gegangen zu sein. Deine Unsicherheit überspielst du mit Sarkasmus, aber sei dir bewusst: Gehässigkeit ist keine Stärke. Versuche das nötige Selbstbewusstsein zu finden und das Beybladen wieder mehr zu genießen. Es ist ein Spiel, vergiss das nie! Max trotzt mit seiner frohen Natur allen Rückschlägen – lerne von ihm.

Er hatte der Versuchung widerstanden den Zettel zu zerknüllen und in den nächsten Abfalleimer zu werfen. Er hätte sich somit öffentlich in Verlegenheit gebracht, und alle hätten mitbekommen, dass er tief gekränkt von dieser kleinen Nachricht war. Als er sich umgesehen hatte, hatte er jedoch in den Gesichtern der anderen Beybladern lesen können, dass sie ebenfalls nicht sonderlich begeistert von dem waren, was sie gelesen hatten. Die meisten hatten angespannt und irritiert gewirkt, abgesehen von - Max. Der Amerikaner mit dem ‚Captain America‘-Shirt und den farblich passenden Shorts hatte ihn mit einem breiten Grinsen angestrahlt (Johnny hatte für einen kurzen Augenblick dem Drang widerstehen müssen, seinen Unmut Luft zu machen, indem er ihm ins Gesicht schlug) und dann fröhlich gemeint: „Dann werden wir wohl in den nächsten Tagen ein Team bilden, was?“

Johnny wusste nicht mehr, was er darauf geantwortet hatte, nur dass er irgendetwas gemurmelt und den Tag verflucht hatte, an dem er sich für die Profiliga gemeldet hatte. Dennoch waren sie schließlich gemeinsam in das Hotelzimmer gegangen und seither lag er nun hier auf dem Bett.

Das Zimmer selbst war hübsch eingerichtet: Es besaß zwei schön hergerichtete Betten, daneben jeweils ein Nachttischchen mit Lampe und Telefon und ein großer Schrank. In einer der Ecken war ein Schreibtisch untergebracht, dem gegenüber stand eine Sitzecke. An der Wand über dem Regal, in dem sich auch die Minibar und ein Kühlschrank befanden, hing ein Fernseher. Sowohl das Badezimmer als auch die Toilette waren jeweils separat. Das Badezimmer hatte eine Duschkabine, ein Bad und ein großes Waschbecken mit breiter Spiegelfront, die Toilette war ebenfalls mit einem Waschbecken und einem WC versehen.

Johnny hatte sich nur kurz umgesehen und sich dann auf sein Bett fallen lassen. Max hatte zwar ein paar Mal versucht ein Gespräch mit ihm zu beginnen, doch er hatte abgeblockt. Weniger, weil er unhöflich hatte sein wollen, sondern einfach, weil er etwas Zeit brauchte, sich an die neue Situation zu gewöhnen, ehe er sich offener zeigte.

Irgendwann hatte Max es aufgegeben und war gegangen, um sich mit seinen Teamkollegen zu treffen. Johnny konnte es ihm nicht verübeln und war ihm dafür schon fast dankbar, konnte er so erst einmal in Ruhe durchatmen.

 

Ein Klopfen ließ ihn erschrocken zusammenzucken und er starrte vorwurfsvoll die Tür an, hatte das Geräusch seine Gedanken und die Stille durchbrochen. Vielleicht würde der Mensch an der Tür ihn in Ruhe lassen, wenn er dachte, dass er gar nicht im Zimmer war?

„Es ist noch eine Stunde bis zum Essen, Johnny“, drang Roberts vertraute Stimme durch das Holz, „Ich dachte du hättest vielleicht Lust auf eine Runde Schach. Und sag jetzt bitte nicht, dass unsere Partie daran scheitern soll, dass du zu faul bist aus deinem Bett aufzustehen.“

Johnny schnaubte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, ehe er sich langsam aufrichtete. „Vielleicht hilft ein bisschen Betteln meiner Motivation auf die Sprünge“, er wartete die Antwort gar nicht ab, sondern lief Richtung Tür und öffnete sie. Wenn es einen Grund dafür gab, dass Robert vor dem Essen bei ihm vorbei sah, dann war es weniger, um sich die Zeit zu vertreiben, sondern um nach Johnny zu sehen und ihm die Chance zu geben seinem aktuellen Unmut Luft zu machen. Ob er es tat, weil sie befreundet waren oder weil er es als Aufgabe des Teamcaptains ansah, wusste Johnny allerdings selbst nicht genau.

„Um mich betteln zu hören musst du schon andere Saiten aufziehen“, meinte Robert trocken mit hochgezogenen Augenbrauen und kam der Andeutung des Schotten nach, das Hotelzimmer zu betreten, „Aber ich glaube nicht, dass das in unser beider Interesse läge.“

„Das käme vermutlich auf die Ausgangssituation an“, konterte Johnny und setzte sich an den kleinen Tisch, Robert tat es ihm gleich.

Sein Freund sah gut gekleidet aus, wie immer. Schwarze Hose, weißes Hemd, dazu edle Schuhe. Die violetten Haare waren perfekt frisiert und seine ganze Haltung verriet seine adelige Herkunft. Unter seinem Arm hatte er ein zusammenklappbares Schachbrett geklemmt. Johnny wusste, dass es eine teure Handarbeit war – sogar eine Maßanfertigung. Immerhin hatte er selbst seinem Teamcaptain das transportable Spiel im letzten Jahr zu Weihnachten geschenkt. Es hatte ein schlechter Scherz sein sollen (die beiden Könige hatten als Vorlage für den Künstler ihn und Robert gehabt, ebenso waren die weiteren Figuren an ihre Familien angepasst, wobei die Königin jeweils ihr Bitbeast darstellte), aber Robert nahm das Spiel nun grundsätzlich mit auf Reisen und zog es hervor, wenn er es als sinnvoll erachtete.

Ursprünglich hatte Johnny es so angedacht gehabt, dass sie jeweils ihre eigenen Figuren nutzten – doch Robert hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Seit er das Spiel verwendete, nahm er sich grundsätzlich Johnnys Figur. Er behauptete, er tat das nur, damit Johnny sich nicht beklagen konnte immer nur zu verlieren.

 

„Und, mit wem bist du im Team?“, fragte Johnny während er die Figuren aufstellte, wodurch ihm Roberts skeptischer Blick entging.

„Hast du dir die Zimmerverteilung noch nicht angesehen?“

Johnny schnaubte und deutete Robert an die Schachpartie zu beginnen, ehe er trocken meinte: „Ich war zu sehr mit Schmollen beschäftigt. Du wirst mir also auf die Sprünge helfen müssen.“

Der Deutsche lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, während er sein Gegenüber genaustes im Auge behielt. „Mister Dickenson hat mich mit Brooklyn zusammen gesteckt – Ich soll mir auch mal Auszeiten gönnen und mich nicht immer nur in meiner Arbeit verkriechen. Ist das zu glauben?! Und für so einen Unsinn habe ich meine Arbeit zu Hause liegen lassen.“

Die beiden starrten sich einen Augenblick lang an, ehe Johnny sich leise räusperte. „Und du meinst, dass Dickenson mit dieser Theorie falsch liegt? Korrigiere mich, aber bist du nicht der Mensch, der seinen Schlafrhythmus auf vier Stunden pro Tag umgestellt hat, um mehr arbeiten zu können?“ Er wollte es nicht laut aussprechen, aber Johnny war sich sicher, dass Robert selbst während er mit seinen Freunden etwas unternahm im Geiste irgendwelche Daten und Aufgaben durchging.

„Ich habe nicht gesagt, dass seine Aussage, dass ich sehr arbeitsam und zielorientiert bin, falsch ist. Ich habe gesagt, dass ich die ‚Aufgabe‘ absolut sinnlos finde und eigentlich viel Besseres zu tun hätte“, Robert hielt einen Moment inne, schob einen seiner Bauern nach vorne und lehnte sich dann wieder zurück, „Zumindest meinte ich das zwischen den Zeilen. Und ganz im Ernst... Brooklyn? Dieser Typ hat ja null Eigeninitiative, was irgendwelche Aufgaben angeht. Der ist einfach verzogen und faul.“

„Ha, die Beschreibung trifft auch auf Enrico zu“, Johnny grinste und legte den Kopf schief, während Robert nur resigniert seufzte. „Aktuell wünsche ich mir fast, ich wäre mit Enrico konfrontiert und nicht mit Brooklyn.“

„Ich persönlich fände es ja ziemlich witzig, wenn du jetzt alles hinschmeißt und dann weiter in der Laienliga spielen würdest“, während sie sich unterhielten, setzten sie ihr Schachspiel fort, dennoch entging Johnny der vorwurfsvolle Blick nicht, der sich beinahe vernichtend in ihn hinein bohrte. Ihm war bewusst, dass Robert nicht so leicht klein bei geben würde, dazu war er viel zu zielstrebig. Johnny hingegen hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, die ganze Sache einfach abzublasen. Der einzige Grund, warum er aktuell doch blieb, war, dass er Robert und sein Team nicht unbedingt enttäuschen wollte.

„Was wurde dir denn aufgetragen?“, hakte Robert nach, doch er erntete nur ein Schulterzucken.

„Ehrlicherweise möchte ich darüber nicht wirklich sprechen.“

„Weil es dir peinlich ist?“

Johnnys Lippen bildeten einen dünnen Strich und für einen kurzen Moment sah er Robert aus ausdruckslosen Augen heraus an, dann senkte er seinen Blick und zog seinen Läufer quer über das Feld. „Nein, weil Dickenson so sehr ins Schwarze getroffen hat, dass es mir unangenehm ist, überhaupt daran zu denken.“

 

Es herrschte einige Zeit Schweigen und sie beendeten ihre Partie (die natürlich Johnny verlor), ehe Robert mit beinahe sanfter Stimme meinte: „Und du willst nicht darüber reden?“

„Nein“, ein Blick auf die Uhr verriet dem Schotten, dass sie keine Zeit für eine zweite Runde hatten, bevor sie zum Essen mussten, „zumindest nicht jetzt. Vielleicht später.“

Robert nickte und half Johnny dabei, die Figuren einzupacken. „Aber du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst, wenn du jemanden zum Reden brauchst, ja?“

„Jetzt brauche ich erst einmal jemanden, der mir zeigt wo dieser verdammte Speisesaal liegt. Wenn ich nicht bald etwas zwischen die Zähne bekomme, dann verhungere ich noch“, Robert hob aufgrund der Antwort eine Braue und seufzte dann leise, ehe er sich von seinem Platz erhob. „Wenn du noch nicht einmal weißt, wo sich der Speisesaal befindet, zeigt mir das, dass du dich im Hotel noch gar nicht umgesehen hast. Am besten nutzen wir die zwanzig Minuten bis zum Essen und ich zeige dir schnell die wichtigsten Anlaufpunkte der Anlage.“

„Das wären...?“

„Zunächst einmal mein Zimmer“, antwortete Robert, als er sich erhob und auf Richtung Tür zusteuerte, „Allerdings weniger, weil ich auf nächtliche Besuche hoffe, sondern mehr, weil ich das Schachspiel zurückbringen muss.“

Roberts Zimmer befand sich zwei Stockwerke über dem von Johnny, direkt daneben befand sich der Eingang zum Wellnessbereich. Das Hotel hatte außerdem mehrere Fitnessräume und Restaurants, zwei Schwimmbäder, einen Kinosaal, vier Festsäle, fünf Freizeitzimmer, diverse Bars, sowie unzählige Beyblade-Trainingsräume. Wie Robert ihm auf dem Weg zum Speisesaal berichtete, gab es zudem einen großen Landschaftspark, einen Golf-, sowie einen Tennis- und einen Fußballplatz – und natürlich eine Außenarena für Beyblade-Kämpfe. Johnny fragte sich, wie es die BBA geschafft hatte, die Räumlichkeiten zu mieten, es musste das Unternehmen ein Vermögen kosten.

 

Der Speisesaal, in dem sie aßen, war einer der Festsäle. Er war reich verziert mit Stuck und Wandmalereien. Skulpturen schmückten den Raum und blickten von den Wänden her in die Raummitte, wo zahlreiche reich gedeckte Tische standen, auf denen unzählige Speisen sorgsam hergerichtet drapiert waren.

Es gab keine feste Sitzordnung und Johnny erkannte schnell, dass die meisten sich zu ihren Teamkollegen gesetzt hatten, so auch Max, der es sich bei den übrigen Bladebreakers bequem gemacht hatte, ihm jedoch fröhlich zuwinkte, als er ihn bemerkte. Johnny folgte Robert, der auf Oliver und Enrico zuhielt.

So wunderbar das Essen aussah, so köstlich schmeckte es auch. Es gab kalte und warme Speisen und alle Beyblader langten kräftig zu. Gespräche füllten den Raum und die Stimmung war sehr herzlich, was selbst Johnny für einige Zeit seine Bedenken und negativen Gedanken vergessen ließ. Sowohl Oliver, als auch Enrico schienen daran interessiert zu sein, ihre eigenen Aufgaben nicht Preis zu geben, weshalb sich die Unterhaltung mehr auf die Freizeitgestaltung der letzten Wochen bezog, in denen der Kontakt zwischen ihnen recht spärlich ausgefallen war. Oliver hatte bei einem Kochwettkampf teilgenommen, Enrico einige Zeit in der Karibik verbracht und Robert hatte gearbeitet. Johnny selbst hatte für die Aufnahmeprüfung der Universität gepaukt, an der er sich schon vor einiger Zeit für ein Mathematikstudium beworben hatte. Ob er letzten Endes auch bestanden hatte, wusste er jedoch noch nicht.

 

Erst wieder nach dem Essen, als das erste gemeinsame ‚Partner-Training‘ auf dem Programm stand, holte Johnny die Realität wieder ein und nachdem er sich von seinen Teamkollegen verabschiedet hatte, machte er sich mit angespannter Miene zu dem Trainingsraum auf, der ihm und Max laut Plan von Mister Dickenson zugeteilt worden war.

Max war bereits anwesend und ließ sein Beyblade durch die Bowl kreiseln. Er bemerkte Johnny zunächst gar nicht und dieser beobachtete den jungen Amerikaner für einige Zeit schweigend. Freude und Frohsinn. Wenn es denn nur so einfach wäre, die Liebe zu einer Sache wieder zu finden...

„Sorry für mein bisheriges Verhalten“, begann Johnny und steckte seine Hände in die Hosentaschen, „Ich musste mich erst einmal auf das Alles hier einstellen.“

Max drehte sich überrascht zu ihm um, zwinkerte ihm dann jedoch zu. „Mach‘ dir keinen Kopf deswegen, Johnny. Mir war schon klar, dass es vermutlich nicht an mir liegen kann. Geht es denn inzwischen besser?“

Johnny zögerte, musterte sein Gegenüber berechnend und verschränkte die Arme vor der Brust. Max war ein freundlicher, aufgeschlossener und hilfsbereiter Typ – die Art Mensch, um die er für gewöhnlich einen weiten Bogen machte, weil er dieser ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘-Mentalität nicht so recht über den Weg traute.

„Um ehrlich zu sein: nicht wirklich. Ich bin mit einigen Erwartungen hierhergekommen und dann wird mir nur so ein dämlicher Zettel in die Hand gedrückt mit der Forderung, dass ich meinen Stil von heute auf morgen umstellen soll. Großartig.“

Max hatte ihm erstaunlich ruhig zugehört und hielt den Blickkontakt. „Wenn du Erwartungen von außen nicht erfüllen willst, dann tu’s einfach nicht“, meinte er ernst und zuckte mit den Schultern, „Aber auch die eigenen Erwartungen können oft erdrückend sein. Im Endeffekt ist für dein Leben wichtig, wie du leben willst - im Jetzt und Hier. Die Zukunft ist eine Unbekannte, auf die man nicht bauen sollte.“

„Das ist leichter gesagt als getan, meinst du nicht?“

Max legte den Kopf schief und grinste. „Hat denn irgendjemand jemals behauptet, dass das Leben einfach ist? Ganz im Gegenteil, machen die Schwierigkeiten, denen man sich stellt, doch das Leben aus.“

Johnny konnte nicht anders, als eine gewisse Abneigung gegenüber dem Amerikaner zu empfinden. Neunmalkluge Sprüche hatten seiner Meinung nach noch nie jemandem geholfen und schon gar nicht ihm oder seinem aktuell sehr angekratzten Ego.

„Es ist wie beim Beybladen“, ergänzte Max, der Johnnys Missmut mit Unklarheit verwechselte, „Man muss das lieben, was man tut. Sonst würde man ja keine Zeit hinein investieren, oder nicht? Es lebt sich einfacher, wenn man den Schwerpunkt auf die schönen Dinge legt und man das Negative ausklammert. Viele machen den Fehler und sehen immer nur das Schlechte. Dabei sollte es genau andersherum sein. Man sollte immer versuchen das Beste aus seiner Situation zu machen und sich dafür einzusetzen. Es sei denn man genießt es zu jammern.“

 

„Das hat nichts mit Selbstmitleid zu tun“, konterte der Schotte bissig und seine Augen verengten sich zu Schlitzen, „Wie soll man denn einen Zugang zu etwas finden, das man verabscheut?“

Max starrte ihn für einen Moment betroffen an und erst jetzt wurde Johnny bewusst, wie ruppig er sein Gegenüber angefahren hatte. Der Amerikaner realisierte jedoch schnell, dass Johnny sich keineswegs auf ihn bezogen hatte, was die starke Abneigung anging. „Du hast also ein Problem mit dem Beybladen? Warum bladest du dann?“

Diesmal war es an Johnny schockiert zu wirken. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Max ihn so leicht durchschauen würde. Aber er hatte sich durch seine Äußerungen, die mit Sicherheit gar nicht provokativ gemeint waren, reizen und anstacheln lassen. Damit hatte er mal wieder gezeigt, wie unfähig er doch tatsächlich war, vernünftig zu reagieren. Allerdings ließ es sich nun nicht mehr ändern, weshalb ihm weglaufen nicht sinnvoll erschien. Dadurch löste sich das Problem nicht in Luft auf. Er hatte sich das Grab geschaufelt, er würde sich dem stellen.

Während er sich in Gedanken selbst schalt, fasste er sich an den Kopf und seufzte. „Es ist... schwierig.“

„Erstaunlicherweise sagen das die Leute immer, wenn es um Dinge geht, die ihnen unangenehm sind und denen sie sich nicht stellen wollen. Und genaugenommen ist das zumeist auch der einzige Grund, warum etwas schwierig ist. Wenn man es einfach durchzieht ist es oft nur halb so schlimm.“

Johnny konnte gar nicht in Worte fassen, wie sehr er Max für diese Bemerkung verachtete. Es war ein gewisser Zorn, der ihn erfasste und ihm das Gefühl gab, nur noch Rot zu sehen. Hatte er es überhaupt nötig dieses Gespräch mit Max zu führen? Es tat weh, wie sehr er ihm die erbarmungslose Wahrheit ins Gesicht knallte. Und plötzlich fühlte er sich wieder so unendlich hilflos.

Max schien zu spüren, wie sehr die Stimmung zu kippen drohte – beziehungsweise wie sehr sie bereits gekippt war – und er versuchte zu retten, was zu retten war: „Hör zu, tut mir Leid. Mich geht das sicherlich gar nichts an. Wieso, weshalb, warum – im Endeffekt ist es deine Sache und ich will mich da auch gar nicht weiter einmischen, wenn das nur zu Unmut führt. Sorry.“

Johnny wusste nicht wirklich, was er darauf antworten sollte. Er war zu wütend und zu verletzt, um einen klaren und vernünftigen Gedanken zu fassen und wenn er ehrlich war, wäre er am liebsten gleich ins Hotelzimmer gerannt, hätte seine Sachen geschnappt und wäre abgereist. Diese ganze Aktion der BBA stank doch bis zum Himmel...

 

Robert hatte ihm schon oft genug gesagt, dass er überreagierte, dass er lernen musste, einfach einmal tief durchzuatmen und Dinge nicht so nah an sich heran zu lassen, dass er nicht alles gleich persönlich nehmen sollte. Und jedes Mal, wenn er ihm das gesagt hatte, hatte Johnny sich noch schlechter gefühlt, weil er einfach nicht in der Lage war, seiner Gefühle Herr zu werden. Im Endeffekt war es vermutlich gar nicht Max, auf den er im Augenblick so wütend war, sondern er hatte diese Aggression gegen sich selbst, weil er es einfach nicht schaffte, aus diesem Teufelskreis seines Lebens auszubrechen. Es war zum Verrücktwerden.

Aber nun war es sowieso zu spät. Max hatte ihn durchschaut und wenn sie die Sache nicht klärten, dann würde die Zeit in diesem Hotel absolut grässlich werden. Und so gerne er einfach verschwinden wollte, letzten Endes wusste er, dass er sein Team nicht enttäuschen wollte und er sicherlich nicht damit klar kommen würde, wenn er als einziger der europäischen Champions weiterhin in der Laienliga spielen würde.

„Ja, ich habe ein Problem mit dem Beybladen“, meinte Johnny mit bemüht ruhiger Stimme, „Ich hab’s früher geliebt, weil es mir immer so vor kam, als könnte ich wirklich alles erreichen und tun, was ich möchte. Das ist aber schon lange her.“ Er presste seine Lippen zusammen und schloss seine Augen, während er für einen Moment den Versuch unternahm, das herrliche Gefühl von damals zurück in seine Erinnerung zu rufen.

„Es ist ernüchternd, wenn man mit Spaß und Engagement sein Bestes gibt, aber es einfach nicht gut genug ist. Ich rede nicht mal davon, dass ich es von Können und Technik her einfach nicht mit einigen der anderen Beyblader aufnehmen kann. Die negative Kritik von allen Seiten hat mir einfach den Spaß genommen. Jeder noch so kleine Fehler wird hochstilisiert, jeder Schritt, den ich mache, wird kritisch hinterfragt und im Endeffekt ist aus der Liebe zum Beybladen nur noch ein Vergleich geworden, wer der schönste, beste oder tollste Beyblader ist. Und je mehr ich mit den Vorwürfen und der Kritik konfrontiert war, desto mehr wurde mir klar, dass eben nicht alles möglich ist. Dass ich im Grunde genommen kaum etwas zustande gebracht habe, gerade wenn ich mir ansehe, was Robert und die anderen leisten. Ich bin einfach ein hoffnungsloser Fall“, Johnnys Hand umschloss fest Salamalyon und er starrte den Bitchip mit beinahe ausdrucksloser und müder Miene an. Max schenkte ihm einen verständnisvollen Blick, schwieg jedoch.

„Wenn du sagst, dass man Erwartungen nicht erfüllen muss, wenn man es nicht will, ist das in meinen Augen einfach leichtfertig dahin gesagt. Natürlich muss man es nicht. Aber wenn man immerzu mit einer Bewertung der eigenen Person konfrontiert ist, dann ist das einfach belastend. Hast du schon einmal die Kritiken zu meinen Kämpfen gelesen? Ungestüm, unkontrolliert, planlos und festgefahren sind noch die netten Formulierungen zu meinem Stil. Am Anfang habe ich ja wirklich versucht mich anzustrengen und zu beweisen, dass ich sehr wohl gut in dem bin, was ich tue. Aber irgendwann ist es einfach ermüdend. Ich kann es niemandem Recht machen. Ich will mein Team nicht im Stich lassen und sie nicht enttäuschen, deshalb bin ich hier. Für mich spielt das Beybladen keine Rolle mehr“, er zuckte mit den Schultern, „Ich denke damit ist alles gesagt, was wichtig ist. Dickenson hat mir als Aufgabe gestellt, dass ich meine Liebe zum Sport wieder entdecke. Aber das ist einfacher gesagt als getan. Ich fühle mich nicht so, als wäre ich bereit sonderlich viel Energie in die Sache hier zu stecken. Enttäuschungen sind leichter zu verkraften, wenn man sich nicht zu sehr in etwas hinein hängt.“

Max‘ Lippen wurden von einem sanften Lächeln umspielt. Es wirkte nicht oberflächlich und schien auch nicht das, was Johnny gesagt hatte, ins Lächerliche ziehen zu wollen, was den Schotten zumindest ein Stück weit beruhigte. Er fand nichts schlimmer, als eine halbherzige Anteilnahme – dann schon besser einfach ignorieren und das zumindest ernst meinen.

„Ich verstehe dein Problem, denke ich. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich dich bisher immer ganz anders eingeschätzt habe“, er machte eine kurze Pause und wirkte nun noch ein wenig ernster, „Ich finde es zugegeben sehr Schade, dass ein talentierter Beyblader wie du so derart resigniert. Ich denke aber, dass wir das wieder hinbekommen werden. Immerhin haben wir hier ja einiges an Zeit.“

Johnny unterdrückte ein Seufzen und wiederstand der Versuchung klar zu stellen, dass er gar nichts wieder in Ordnung bekommen wollte. Er hatte sich mit allem bereits abgefunden und wollte nicht mehr an sich und seinen Fähigkeiten arbeiten, das hatte er in der Vergangenheit schon oft genug getan.

 

„Ich hätte da eine recht persönliche Frage an dich“, fuhr der Amerikaner fort, „Was für eine Beziehung oder auch Bindung hast du zu Salamalyon?“

Johnny hätte es nicht zugegeben, aber er war in diesem Moment überaus dankbar und erleichtert, als plötzlich in einer wahnsinnigen Lautstärke der Feueralarm losging und die Warnung „Das ist keine Übung! Bitte evakuieren Sie das Hotel!“ durch die Lautsprecher drang. Denn Salamalyon hatte er schon seit Jahren nicht mehr in seiner Nähe gespürt.

Kommentare

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Hui, da hat sich die BBA aber ganz schön was vorgenommen, wenn sie eine Profiliga gründen will, in die sie nicht alle reinlassen.  Was mich aber wirklich brennend interessiert, ist, warum sie so eine Selektion vornehmen, um die Blader zu ermitteln, die in ihre neue Liga passen? Man könnte es ja auch einfach vom Können abhängig machen, wäre ja für alle einfacher. Da fragt man sich doch glatt, weshalb sie diesen Aufwand betreiben!
Bin schon gespannt :3

Worauf ich auch gespannt bin: ob Mäxie der einzige ist, der Lektionen verteilt oder ob Johnny ihm auch noch das ein oder andere beibringen wird?

Als Lehrmeister hat Max sich zumindest schon mal gut gemacht. Ich hätte ihm fast nicht zugetraut, so kluge Sprüche vom Stapel zu lassen, aber in dem was er sagt, spürt man schon eine gewisse Lebensfreude und andererseits doch auch ein bisschen Reife.
Bei Johnny merkt man dagegen, dass er zumindest mit der Lebensfreude noch so seine Schwierigkeiten hat, er könnte aber auch noch etwas nachreifen. Gerade, was die vernünftigen Entscheidungen angeht.
Man kann eben nicht immer mit dem Kopf durch die Wand und jetzt sofort und gleich alles haben. Ich hoffe, das lernt er irgendwann!

Bin in jedem Fall gespannt, was der Eignungstest noch so alles bereit hält! :)

Und, ich freue mich schon darauf, wenn es von der Profiliga neue Kapitel geben wird :))

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Vielen Dank für deinen Kommentar! :-)

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Wir machen eine Profiliga und um rein zu kommen, gibt's super-special-Aufgaben, individuell auf jeden Beyblader abgestimmt, damit sie ihn vor eine Herausforderung stellen!

Ja, klingt nach Dickenson ='D

Ich mag Max hier echt sehr gerne. Allgemein mag ich's, wenn von ihm nicht nur seine fröhlich-überdrehte Art gezeigt wird, sondern auch seine ernstere und nachdenklichere Seite und nachdem er einer meiner Lieblinge ist, freu ich mich immer, wenn er'n bisschen Tiefe bekommt ^^

Johnny finde ich auch echt gut dargestellt. Seine ungestüme Art kommt gut raus und man merkt durchgehend, dass er auf Kritik und Genörgel ... nicht so gut reagiert xD Das macht es für mich auch glaubhaft, dass er durch das ständige Genörgel in den Medien (und im Umfeld?) seine Freude am Beybladen verloren hat und jetzt in dieser Position ist. Aber dafür hat er ja Max =D

Bild des Benutzers Phase

Vielen Dank für diesen Kommentar!

Deine Rückmeldung zu meiner Geschichte freut mich sehr, gerade dass du meine Darstellung der Figuren so gut aufnimmst! :D Ich hoffe, dass dir auch die späteren Kapitel gefallen werden. :)

 

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Eine gesonderte Schulung zur Eignung mitmachen und eine entsprechende Prüfung bestehen?

Ich kann Enrico verstehen. Die etablierten Teams sollten eigentlich gut genug für die Profiliga sein, aber Mr.D denkt halt anders, als die Blader bezüglich solcher Prüfungen. =D

Allerdings verspricht er sich offenbar sehr viel davon. Immerhin mietet er den ganzen Bereich und das ne ganze Weile.

Die Teamaufteilung dürfte sich auch so fremdbestimmt anfühlen. So dass Mr D. alle bevormundet und sie dürften sich fragen: Was hat der Typ nur vor?

Aber dass die Blader voneinander lernen können, gerade die im extremen Bereich, stimmt alle mal!

Es amüsiert mich noch immer sehr, dass sie indirekt die Aufgaben von Prof. Dr. Katze abbekommen. =,D

Ist halt echt immer noch genial eingebaut und für Johnny macht das halt so keinen Sinn! Für die meisten sicherlich ebenfalls! XD

Ich kann mir Robert auch gar nicht bettelnd vorstellen, will ich auch gar nicht. Johnny sicher auch nicht Ist doch auch ein sehr cooles Schachbrett. Wie sie sich mit Bitbeast im Stadium gegenüberstehen, so auch im Spiel wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Aber irgendwie ist es ja auch verbindend, den jeweils anderen „zu lenken“

Max ist auf seine Art knallhart, bringt Johnny zum Seelen-Striptease und trifft zielgenau ins Schwarze.