Wild Hunters

Seine Schritte auf der alten Stadtmauer waren lautlos und er selbst beinahe unsichtbar, obwohl ein fast voller Mond am Himmel über ihm hing. Mühelos ließ er die Ruine des ehemaligen Wachturms hinter sich und trat zu der Gestalt, die dahinter auf dem Mauervorsprung saß.
„Wird dir das nicht langweilig?“, fragte er.
Der andere drehte sich nicht um, gab keine Antwort. Mit einem leisen Seufzen trat er an seine Seite und ließ den Blick über die Stadt wandern, die unter ihnen lag. Ruhiger, dunkler und zurückgezogener als im restlichen Jahr. Alle Fensterläden fest verschlossen, als wüssten die Sterblichen instinktiv welche Nacht vor ihnen lag.
„Jedes Jahr finde ich dich an diesem Ort, Lupinex“, fuhr er fort. „Vielleicht ist es an der Zeit die Vergangenheit ruhen zu lassen.“
„Manche Dinge kann man nicht hinter sich lassen, Bruder. Gerade du solltest das wissen.“
„Ja, vielleicht“, antwortete Sanguinex. Es hatte wenig Sinn miteinander zu streiten.

Nebel zog auf.
Legte sich wie eine Decke über die Stadt und ließ ihn erschaudern. Kälte spürte er seit vielen, vielen Jahren nicht mehr. Doch diese hier … sie kam nicht vom Winter, von den fallenden Temperaturen in der Nacht oder der Feuchtigkeit des Nebels. Diese Kälte kam aus ihm selbst, ergriff seinen ganzen Körper und verursachte ihm eine Gänsehaut.
Der Nebel sank tiefer auf die Stadt hinab, legte sich über Straßen und Gassen und drang durch jeden Spalt, den er finden konnte. Zwängte sich in Häuser und Wohnungen und bescherte den Bewohnern Alpträume, wenn er es schaffte sie zu berühren.
Sanguinex und Lupinex aber rührte er nicht an.
Wie ein Schleier umgab sie eine nebelfreie Zone, an deren Grenze sich der Dunst ballte und ihnen nur widerwillig fernblieb. Es fiel ihm schwer den Nebel zu ignorieren. Es fiel ihm schwer hier stehen zu bleiben, sich nicht in den Schutz eines Gebäudes zurückzuziehen und anderen Jägern die Nacht zu überlassen.
„Eines Tages werden sie dich nicht mehr gehen lassen“, flüsterte er.
„Eines Tages werde ich nicht mehr gehen wollen. Vielleicht“, antwortete Lupinex. Seine Stimme war leise aber fest und das Funkeln, das in seinen Augen lag, sah Sanguinex nur noch selten. Zu selten.
„Ich bin alt, Bruder. Und ich bin nicht unsterblich.“
Die Sehnsucht in seinen Worten bohrte sich wie ein Dolch in seine Brust. Dennoch. Sie kamen nicht überraschend. Niemand konnte sich ewig nach der Liebe verzehren.

Als in der Ferne ein Jagdhorn ertönte, richtete sich sein Blick in den Himmel. Da, weit im Westen nahm er erste Bewegungen wahr. Im einen Moment unendlich weit weg, jagten die weißen Gestalten im nächsten bereits über die Stadt. Manche zu Pferde, andere nicht. Begleitet vom Heulen geisterhafter Hunde und schneller als seine Augen Details ausmachen konnten. Wild, ungezähmt. Ein schrecklicher Zug, dessen Ende Sanguinex nicht erkennen konnte, umgeben von den Schreien Sterbender und dem Jammern Verdammter.
Wieder schauderte er, ballte die Hände zu Fäusten, um das Zittern zu unterdrücken. Er spürte Blut auf seiner Haut, als sich seine Eckzähne in die Lippen bohrten.
„Man gewöhnt sich daran“, sagte Lupinex ohne den Blick vom Himmel abzuwenden.
„Hm.“
„Vielleicht solltest du gehen.“
In der Stadt erhoben sich weiße Gestalten, glitten aus Fenstern und Rauchfängen, um sich dem Zug anzuschließen und nie mehr zurückzukehren.
Dieses Mal stand das Schweigen wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen, die ihm unmöglich zu überwinden schien.
Und doch war es unmöglich zu gehen.

oOoOo

Sanguinex’ Anwesenheit war ihm unangenehm bewusst. Es war, als hätte sich ein Fremdkörper in diesen Moment gedrängt und unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten, unterdrückte mit Mühe ein Knurren, das sich tief in seiner Kehle bildete.
„Sie kommt.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Aus dem Geisterzug über ihnen löste sich eine Gestalt, glitt auf den Nebelschwaden herab. Lautlos und schrecklich schön. Ihm standen die Haare zu Berge, als sie wenige Schritte entfernt zur Ruhe kam. Sie wirkte so jung, aber ihre Augen sprachen von den Jahrzehnten, die sie bereits über den Himmel jagte.
Sie sah so lebendig aus, wenn man von dem Strahlen absah, das aus ihrem Inneren zu kommen schien. Und von dem Nebel, der ihre Umrisse verschwimmen ließ und sie zu einem Teil der Umgebung machte, wenn man sie nicht direkt ansah.
„Du bist hier“, sagte sie.
„Ich habe gewartet“, antwortete er. Sanguinex’ Blick bohrte sich in seinen Rücken. Verursachte ihm beinahe körperliche Schmerzen.
„Das solltest du nicht.“
„Ich weiß.“
Er trat näher an sie heran und sie zog sich nicht zurück. Noch ein Schritt … sie waren einander so nahe wie es nur möglich war. Der Nebel wirbelte schneller um sie, während er vor Lupinex flüchtete.
„Sie werden dich nicht gehen lassen. Nicht noch einmal.“
Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Das sagst du jedes Jahr.“

„Aber dieses Mal hat sie recht.“
Lupinex drehte sich um und betrachtete die leuchtend weiße Gestalt, die auf der Mauer saß und die Szene beobachtete. Ein Jagdhorn hing an einem Band an seiner Seite und zwei Hunde kauerten zu seinen Füßen, die Lupinex aus wachen Augen musterten. Ihre roten Ohren zuckten bei jedem Geräusch, aber sie blieben ruhig. Zumindest so lange ihr Herr ihnen nichts anderes befahl.
„Arawn.“ Lupinex sah den Anfüher der Jagd nicht zum ersten Mal. Obwohl ihre Begegnung Jahrzehnte zurück lag, erinnerte er sich an jedes Wort, das gesprochen worden war.
„Wer sein Schicksal herausfordert, den holt die Jagd“, antwortete der Geistermann. „Nicht wahr, meine Liebe?“
Sie begegnete seinem Blick. „Gib ihm ein weiteres Jahr“, forderte sie ihn auf.
„Und dann? Noch eines und noch eines?“ Arawn lachte und das Heulen seiner Hunde stimmte in seinen Spott mit ein. „Er konnte den Vater nicht bezwingen. Oder den Großvater. Und schon gar nicht den Alten, der euch beide verdammt hat. Er wird auch bei dem Jungen scheitern.“
Arawn erhob sich und die Hunde taten es ihm gleich. Zogen die Lefzen zurück und entblößten ihre scharfen Zähne.
„Schön, Verdammter. Noch ein Jahr.“ Sein Blick wanderte zu Sanguinex. „Sei Zeuge meines Versprechens, Untoter. Noch ein Jahr. Du siegst und sie ist frei. Wenn mir gefällt was ich sehe, befreie ich dich vielleicht auch von deinem Fluch. Du versagst … und du gehörst mir. Auf ewig.“
Er machte einige Schritte, erhob sich wieder in den Himmel und war im nächsten Moment aus Lupinex’ Blickfeld verschwunden.
„Er hat es wahr gemacht …“
„Wir haben damit gerechnet. Früher oder später musste es so kommen“, sagte Lupinex.
Ihre Blicke kreuzten sich, dann trat sie einen Schritt zurück.
„Ich muss jetzt gehen.“
„Wir werden gemeinsam jagen. So oder so.“
„So oder so“, stimmte sie zu und ihre Züge verschwammen weiter, lösten sich beinahe auf. Als sich der Nebel beruhigte, erinnerte ihr Gesicht kaum noch an die jugendliche Schönheit. Eingefallene Wangen, verdorrte Lippen und leere Augen, tief in ihren Höhlen versunken starrten ihn an.
Einen Augenblick später war sie verschwunden und nur unruhige Nebelschwaden erinnerten noch an ihren Besuch. So schnell wie sie erhellt worden war, versank die Nacht wieder in Dunkelheit, als die Jagd verschwand und den Himmel zurückließ, wie er gewesen war.
Nur dass er sich unendlich viel schwerer anfühlte, auf seine Schultern drückte und ihn zu Boden zwang.

„Ein Ultimatum“, brach Sanguinex das Schweigen.
„Ja“, stimmte er zu. „Und ich werde nicht versagen.“
Mit Mühe kämpfte er sich wieder auf die Beine, trat an die Stadtmauer.
„Hörst du mich, McGregor? Ich werde nicht versagen!“
Nicht nur um seinetwillen.

Kommentare

Bild des Benutzers Phase

Ich finde die FF wirklich toll gelungen. 

Zunächst freut es mich natürlich extrem, dass die Darkbladers (oder zumindest zwei von ihnen) die Hauptfiguren der Handlung sind. Sie haben so viel Potenzial- das du in der FF auch wunderbar nutzt. Ich meine mit Tyson und Co wäre der Plot nicht denkbar! Aber so wirkt der Plot einfach passend und in sich stimmig.

Ich mag, wie die Handlung verläuft, die unglückliche Liebe, die Sehnsucht und das offene Ende, bei dem zumindest ich hoffe, dass Johnny mal verliert.  Es kommt keine freudige Stimmung auf, aber die Atmosphäre nimmt mich als Leser voll ein.

ich lese gerne mehr von deinen tollen Darkbladers-Ideen! :)

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Ich freu mich, dass dir die FF gefällt =D
Ja, es gibt so einige Charaktere, die im Fandom kaum genutzt werden. Aber ich hab mir vorgenommen mehr mit solchen Charakteren zu schreiben und das hier ist der Anfang.

Und ich hätte nie gedacht die Worte "ich hoffe Johnny verliert" jemals aus deinem Mund zu vernehmen =D Das freud mich gerade irre, vielen Dank für den lieben Kommentar <3

Bild des Benutzers TheTwixer

Ich find die Idee nach wie vor unerwartet gut. Die hat so unendlich viel Potenzial. xD Ich bin der Wilden Jagd nur einmal bei meinen Teenwolf-Episoden begegnet und auch da war es schon unendlich spannend. Dass du das hier aufgegriffen hast und ins Beybladeuniversum etwas Mystery bringst, freut mich - auch wenn wir wissen, wass das mit deinem inneren BioVolt-Wissenschaftler macht xDDD

Mir gefällt va die Vorstellung extrem, dass das Erlösen des Fluches an den Sieg gegen Johnny gekoppelt ist (und ich vermute, bei den anderen wäre das dann auch so mit ihrem jeweiligen Gegenpart?) - auch die Geisterfrau, die wohl seine große Liebe darstellt, find ich schön mit eingebracht. Du schaffst durch die einzelnen Elemente ne tolle Grundstimmung, wenn auch etwas creepy für Weihnachten! xD (zugegeben war mein erster Gedanke auch eher Halloween :'D)

Mich würde ja durchaus interessieren, ob wir dann nächstes Jahr ne Fortsetzung bekommen, in der Aufgelöst wird, wie das ganze ausgeht - oder irgendwas anderes mit den Darkbladern, die haben echt viel zu viel (ungenutztes) Potenzial.

Bild des Benutzers Bäumchen

Mein innerer BioVolt-Wissenschaftler kommt mit den Dark Bladers sowieso nicht klar, da ist es quasi auch schon egal =D

Ich hab mir ja absichtlich den 5. Dezember, aka Krampusstag ausgesucht, um was in Richtung creepy Mystery zu schreiben, obwohl die Wilde Jagd selbst ja eher ins letzte Dezemberdrittel gehört, aber so genau nehmen wir's mal nicht. Ob es eine Fortsetzung gibt, weiß ich noch nicht. Mal gucken. Das Setting ist spannend und ich bin ein wenig verwundert, dass es  so gut ankommt ^^" Freu mich aber umso mehr darüber! Vielen Dank <3

Bild des Benutzers Meakuel

Uhm, ich kenne keinen der Wilden Jagd-Mythen. ^^°
Aber ja, sie Mathilda zu nennen, hätte irritiert.
Die Atmosphäre baust du durch die Beschreibungen der Stadt, bzw. dem, was man davon erfährt, schön auf. Man hat ein Setting, in dem die beiden verortet sind und das sie so unglaublich gut passen. Sanguinex will ja nur helfen, Lupinex bedeutet ihn immerhin viel, aber gut gemeinte Hilfe ist manchmal, na ja, Fehl am Platz. Das weiß Sanguinex auch selbst und sicher auch, wie nicht vorhanden seine Überzeugungsversuche sind, aber hey, man will nichts unversucht lassen. Wobei ich mich ja jetzt frage, womit aus der Vergangenheit Sanguinex nicht abschließen kann. Was steckt hinter seinen Fluch, was steckt allgemein hinter den Flüchen. 
Lupinex Gefühle sind ebenfalls toll dargestellt, ich hab Mitleid mit ihm, wo er so ausgezerrt ist. Aber auch Sanguinex Situation, in der nichts machen kann, aber unbedingt etwas machen will, wirkt sehr authentisch. 
Ich bin auch eigentlich kein Fan von Romantik, doch die beiden tun mir so Leid. Ich wünschen ihnen, dass die Tragik ein Ende findet und sie endlich wieder vereint sein können und ist es im Tod. Wirklich, wirklich toll!
Der Fluch scheint ja schon mindestens 4 Generationen zu überdauern und so lange scheint das grausame Spiel sie zu trennen und ein Ende seh ich ich ehrlich gesagt noch nicht. Lupinex hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, aber ich bezweifel ebenfalls, dass er Johnny besiegen kann. >_<
Hach, das Problem mit der Liebe, jeder denkt in erster Linie an das Wohle des anderen und sieht nicht, dass der andere ohne ihn nie glücklich sein kann.
Aber eine tolle Geschichte! 

Bild des Benutzers Bäumchen

> Was steckt hinter seinen Fluch, was steckt allgemein hinter den Flüchen.

Der Punkt kommt in der FF tatsächlich zu kurz, was mich selbst ziemlich ärgert. Vielleicht hab ich irgendwann Gelegenheit da Klarheit zu schaffen.

Ich freu mich jedenfalls, dass dir die FF trotz Romantik gefällt =D Und vielen Dank für den lieben Kommentar!